Am Grab bin ich in den letzten Wochen häufiger gewesen. Zuletzt heute Nacht, eingeschlossen in der Grabeskirche. Im Vergleich zur regulären Öffnungszeit, in der sich die Tausenden durch dieses einzigartig-eigenartige Zeugnis des Auferstehungsglaubens schieben, könnte man sagen, es war leer: Eine griechische, eine armenische, eine russische, eine katholische Pilgergruppe, eine Handvoll Einzelgäste. Die üblichen Mönche verschiedener Konfessionen, die Ordnung und Liturgie in der Kirche aufrecht halten.

Kurz vor 21 Uhr. Feierlich schließt der muslimische Wächter (ein salomonisches Erbe des „status quo“) das schwere Portal. Wir sind drin. Und werden als erstes Zeugen des nächtlichen Sonntagsputzes. Als die heiligen Orte, ausreichend gesäubert, freigegeben werden, nutze ich die Gelegenheit und schlüpfe hinter den griechischen Pilgern und ihrem signifikanten Aufkommen an in großen Plastiktüten mitgeführten Andachtsgegenständen in die Grabesädikula. Wie die ganze Kirche, auch sie ein bizarres Konglomerat aus Bauphasen und ökumenischen Einigungen.

Am Ostersonntag, als ich zuletzt einen Teil der Nacht in der Grabeskirche verbrachte, bemerkte ein deutscher Mitpilger: „Der Auferstandene ist überall – nur nicht im Grab.“ In der engen Grabkammer haben die Lateiner den entscheidenden Vers aus dem Osterevangelium zum Wandschmuck beigetragen: „Non est hic. Er ist nicht hier.“ Auch wenn es, archäologisch betrachtet, historisch wesentlich unwahrscheinlichere Pilgerorte im Heiligen Land gibt als den in die Grabeskirche „eingebauten“ Golgothafelsen. Auch wenn hier die Welt Jesu sinnenfällig wird und die Geschichte seiner Verehrung greifbar: Ist er hier berührbar? Zu… sehen?

Als ich mich aufrichte, um, über griechische Mitbeter und Plastiktüten steigend, die Kammer zu verlassen, bricht am Stein der Grabplatte mein linkes Brillenglas ab. Unfälle mit der Brille sind bei mir nicht ganz selten. Beim letzten mal verkaufte der Optiker mir extra ein Brillengestell, das – wie er meinte – selbst ich nicht zerstören könne. Er hatte recht: Dem Gestell geht es weiter hervorragend. Nur nicht dem Kunststoffglas…

So machen mich die zwei Hälften meiner üblichen Welt-Sicht, die ich in Händen halte, eher schmunzeln. Obwohl es gar nicht so leicht ist, ohne Brille durch die Grabeskirche zu gehen. Ohne ihre bizarre eigene Welt und ihre manchmal noch bizarrer anmutenden Besucher innerlich weiter scharfstellen zu können. Aber vielleicht ist die Schärfe des Blicks auch sonst eine Illusion. Sind meine Sichtweisen und Urteile über die bizarren Welten dieser Kirche und dieser Stadt auch durch Brillengläser nicht wirklich scharf. Ist in gewisser Weise nicht gerade die Unschärfe Ausweis von Lebendigkeit? Am Ende bleibt ein lebendiger Mensch immer unscharf. Unbestimmbar und unverfügbar. Nicht hier. Und gerade so lebendiges Gegenüber. Weil ich ihn oder sie nicht bis ins letzte Detail bestimmen, beurteilen, einordnen, festhalten kann. Eine zerbrochene Perspektive als Chance zur Begegnung. Dass die Brille ausgerechnet dort zerbrechen muss: „Seht die Stelle, wo er gelegen hat.“

Am nächsten Morgen bietet mir der Optiker eine neue, scharfe Weltsicht zum Sonderpreis an. Aber das zerbrochene Brillenglas geht mir noch weiter nach. „Sie meinte, es sei der Gärtner“, heißt es über die erste Frau am Grab und ihre Begegnung mit dem Auferstandenen (vgl. Joh 20,15). Auch hier: Unschärfe. Die enge Beziehung zum irdischen Jesus reicht nicht, dass Maria Magdalena den Auferstandenen erkennt. Obwohl sie ihn sieht. Am Ende ist es der Auferstandene selbst, der sie erkennen lässt. Er nennt sie bei ihrem Namen und bestimmt so nicht nur Marias Sicht auf ihn neu, sondern auch ihre Sicht auf sich selbst (vgl. Joh 20,16).

Auch wenn ich hoffe, die neuen Gläser nicht vor der nächsten Osterzeit zu zerstören… Die Einladung zum Wechsel der Perspektive nehme ich mit aus dem leeren Grab. Nicht ich sehe den Auferstandenen. Der Auferstandene sieht mich. Gerade da, wo mir, zuweilen in aller Schärfe, scheint: „Er ist nicht hier.“

One thought

  1. danke!!

    Prof. Dr. Margareta Gruber OSF Lehrstuhl für Exegese des Neuen Testaments und Biblische Theologie Katholisch-Theologische Fakultät Philosophisch-Theologische Hochschule Vallendar PF 1406 D 56174 Vallendar 0049 261 6402 321 mgruber@pthv.de

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