„Ziehe fort aus deinem Land… in das Land, das ich dir zeigen werde!“ (Gen 12,1) Der Satz aus der Berufungsgeschichte von Abram (der erst später ein AbraHAm wird), hat mich schon als Jugendliche fasziniert. Dieses Jahr tauchte er in der liturgischen Lesung auf, ein paar Tage vor Beginn der Fastenzeit. Die Reise Abrams, wie sie im Buch Genesis beschrieben ist, wird dann nicht ganz gradlinig. In manche Gegend kommt er auch zweimal. Er ist mehr unterwegs als sofort am Ziel, im neuen, von Gott gezeigten Land. Mein Land…, Dein Land…, Sein Land: wo ist das eigentlich? Erfüllt sich die Verheißung Gottes an Abram vielleicht schon unterwegs? Jedenfalls scheint die Kraft zur Reise nicht aus der bloßen Erinnerung an eine Ausgangserfahrung zu kommen. Gott spricht weiter. Begleitet die Reise, zeigt das verheißene Land – aber Abram bleibt nicht gleich dort, sondern zieht weiter, nach Süden (vgl. Gen 12,6-9).

„Land der Verheißung“ ist in dem Land, in dem ich in diesem Jahr zeitweise meine Zelte aufgeschlagen habe, eine brisante Größe. Einer der Orte, an dem das mit am schmerzhaftesten klar wird, ist gerade der, an dem Juden und Muslime die Gräber der Patriarchen verehren. Der Zugang ist – nach vielen und andauernden Konflikten – zwischen beiden Religionen geteilt. Die Gräber Abrahams und Saras liegen sozusagen auf neutralem Boden und können von beiden Seiten besucht werden. Um den Machpela-Bau mit den Gräbern herum wird man wie an wenig anderen Orten in Israel/Palästina mit dem Nahostkonflikt konfrontiert. Die „Grenzen“ zwischen beiden Gruppen verlaufen hier innerhalb der Stadt, von Straße zu Straße. Die große Spannung, die auf der Stadt liegt, ist auch an einem ruhigen, sonnigen Samstagvormittag zu spüren, wie der, an dem wir mit einer Gruppe die Stadt und den Machpela-Bau besuchen.

„Land der Verheißung“? Gottes Land? Land, wo Er mit seinen Erwählten sein will? Ja. Aber. Das Teilnehmen an der Zerrissenheit dieses Landes lehrt eine Hermeneutik eigener Art. Schnelle Antworten bleiben nicht nur dem Exegeten im Hals stecken. Und die Hilflosigkeit angesichts der Situation und der Schicksale, die mit ihr verbunden sind, bleibt ebenso.

Hebron ist ein heftiger, ein ernster Beginn für den Weg nach Ostern. Das Land der Verheißung ist nicht „mein“ Land. Ich kann mich ihm nur im Modus des Aufbrechens nähern. Meine Vorstellungen von „meinem“ Land, „meiner“ Lebensweise, „meinen“ Weltbildern, „meinem“ … Gott werden und dürfen dabei zurückbleiben. Damit Platz wird für das Land, „das ich dir zeige“. Und die Begegnung mit dem Gott, der sich auf dem Weg offenbart.

[Foto: (c) G. Nassauer, 2019]

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