Für dieses Studienjahr bin ich zwar NT-Fellow, aber nicht an der LMU. Zwei Stipendien haben es mir ermöglicht, zum zweiten Mal in meinem Leben eine längere Zeit im Nahen Osten zu verbringen. Genauer verbringe ich meine Zeit hauptsächlich mit Paulus und meinem Habil.projekt.
Und das an prominentem Ort: Die École Biblique et Archéologique Française de Jérusalem steht dort, wo die altkirchliche Tradition die Steinigung des Stephanus lokalisiert. “Paulus aber war einverstanden.”, bemerkt die Apostelgeschichte dazu trocken.
Über dem Ort steht heute die Kirche Saint Étienne, daneben meine “Schule”, von meiner Mutter liebevoll “Wissenschaftlerinternat” getauft. Und in der Seitenkapelle der Kirche, die neben dem Eingang zur “Schule” steht, steht auch Paulus (vgl. das obige Foto). Mit erhobenem Zeigefinger. Ich stelle mir vor, er fragt mich jeden Tag, wenn ich von der gemeinsamen Vesper wieder zurück in das Schulgebäude gehe: “Und…? Hast Du mich heute besser verstanden? Meine Briefe? Meine Welt?”
An diesem Ort mit erhobenem Zeigefinger zu stehen, ist – nimmt man das Paulus-Bild der Apostelgeschichte – schon einigermaßen selbstbewusst, bin ich ab und an versucht, Paulus im Geiste zu erwidern. Oder zeigt er mir nicht den erhobenen Zeigefinger, sondern mit dem Zeigefinger in den Himmel?
Vielleicht fängt das Paradox viel Richtiges von ihm ein, vom Charakter dieses Querkopfes der frühen Christenheit, der sich rühmt, in den Himmel gereist zu sein und auch sonst sozusagen eine Innenansicht Christi zu besitzen, die ihn als Apostel ausweist. Und der zugleich keinen Hehl aus seiner Schwachheit macht. Den ich anhand seiner Texte und der Gedanken anderer über ihn und seine Texte exegetisch zu verstehen suche – und von dem ich den Eindruck habe, dass er mir immer wieder entwischt. Nie ganz festzulegen, nie ganz zu greifen…
Vielleicht kann mich schon diese Uneindeutigkeit exegetisch viel lehren: Vorsichtige Zurückhaltung gegenüber voreiligen Schlüssen und Festlegungen. Das “et audiatur altera pars” gegenüber den teilweise gegensätzlichen Linien der Forschungsgeschichte. Exegese eher als Puzzlespiel denn als mathematische Aufgabe. Am Ende mit einem gebrochenen Bild, unvollständig vielleicht, aber zugleich plastischer, lebendiger.
Uneindeutig ist auch das Land, das mich umgibt, in dem ich in freien Stunden immer wieder umherstreife. Mit immer mindestens zwei Seiten, eher noch mehreren. Mit Gebrochenheit und Unvollständigkeit, mit Ambivalenzen, die auf beiden Seiten heftige Opfer fordern, ohne Aussicht auf eine mathematische Lösung…
Paulus und der Nahe Osten. Für beide werde ich am Ende dieses Forschungsjahres keine endgültigen Antworten haben. Aber vielleicht werde ich gelernt haben, Uneindeutigkeiten als (nicht nur) exegetische Chancen zu begreifen.
[Foto: (c) Gudrun Nassauer, 2018; Artikel veröffentlicht auch auf der Seite Fellows@NT der Münchener Katholischen Neutestamentler an der LMU]

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