Sonntag Nachmittag in Jerusalem. Einfach mal abschalten. Sofern einen die Stadt lässt, denn den Sonntag betrachten nur ca. 2% der Bevölkerung von Israel/Palästina als ihren freien Tag. Minderheitenfreizeit. Ich finde in ein Café am Rande der Fußgängerzone. Wahrscheinlich hat die suggestive Beschriftung eines anderes Coffee Shops („You need coffee.“) mich an meine innersten Überzeugungen erinnert, so dass ich nach einiger Zeit wie ferngesteuert das Café angesteuert und einen Cappuccino bestellt habe. Gemütlich. Obwohl um mich herum, das Werktagsleben weitergeht, stellt sich so etwas wie Sonntag-Nachmittags-Stimmung ein. Auf dem Weg zur Vesper in der Dormitio-Abtei übersehe ich eine Ölspur auf dem Bürgersteig. Ehe ich weiß, wie mir geschieht, liege ich auf dem Boden. Gefallen bin ich natürlich auf das schon seit Monaten entzündete Knie… Dementsprechend groß ist der Schreck, die Schürfwunde auch. Einen Tag später kann ich schon wieder lachen.

Der kleine Unfall hat mich aber auf einer anderen Ebene beeindruckt. Gleich als ich so unsanft auf dem Boden angekommen war, sprangen drei Menschen herbei, um zu helfen. Der Falafel-Buden-Besitzer von nebenan bot mir einen Stuhl und ein Glas Wasser an. Dann waren da noch zwei Frauen. An der Kleidung war unschwer zu erkennen: Die eine eine Muslima, die zweite eine Jüdin. Über meinem Knie fand, in kleinen Gesten, eine Verständigung statt, die in meinem Gastland nicht immer funktioniert: Die eine bot mir ein Desinfektionstuch an. Die andere emotionale Unterstützung, nebst dem Hinweis in gebrochenem Englisch: „When in two hours your knee is like ball, go see the doctor.“

Als heute im Tagesevangelium die Rede vom barmherzigen Samariter war (vgl. Lk 10), habe ich noch einmal dankbar an die drei Helfer gedacht:

„Was muss ich tun, um das ewige Leben zu erlangen?“ (Lk 10,25) – Wie komme ich in den Himmel? Am Ende ist Jesu Antwort auf diese Frage festgehalten im Gleichnis vom barmherzigen Samariter…

Eine spontane Äußerung der Barmherzigkeit, die Kategorien sprengt, ganze Grenzen. Die nicht lange nachdenkt, ob es opportun ist, (Nächsten-) Liebe zu zeigen, politisch korrekt oder religiös angemessen. Ganz ähnlich wie es die Sinnspitze des lukanischen Gleichnisses ist. An meinem kleinen Ausrutscher erahne ich leise, wie viel Potential zur Weltveränderung Barmherzigkeit hat. … hätte. Wer ist mein Nächster? Der, der barmherzig an mir gehandelt hat. – „Dann geh‘ und handle genauso.“ (Lk 10,37).

[Foto: (c) G. Nassauer, 2018]

 

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