6 Uhr. Der Handywecker klingelt und weckt mich mit einem Lied. Eigentlich nicht. Auch wenn der größere Teil von mir es nicht wahrhaben wollte: Ich war schon wach. Draußen ist seit der ersten Morgendämmerung vor ca. 20 Minuten Stimmengewirr. Ganze Schwärme von Vögeln sitzen in den Palmen und Tamarisken vor meinem Fenster, im Innenhof des ansonsten noch friedlichen Geländes der Don-Bosco-Schwestern in der Ha Ayin Het. Vogelstimmenunkundig, meine ich vor allem Spatzen herauszuhören. Ausgerechnet Spatzen…

Als Ostinato dringen weitere Stimmen an mein halbwaches Ohr. Durch die Lage meines Zimmers im ersten Stock kommen die Geräusche der 200m entfernt verlaufenden großen Ausfallstraße nach Norden bei mir an. Wenn ich später in den Hof hinuntersteige, werde ich fast nichts mehr davon hören. Jetzt aber kann ich ahnen, dass da draußen hunderte von Verkehrsteilnehmern schon viel wacher sind als ich und sich mit überhöhter Geschwindigkeit, hupend, ihren Weg durch den Jerusalemer Berufsverkehr erkämpfen.

7 Uhr. In der Hauskapelle sind die Stimmen, die ich höre, vor allem italienische. Auch Paulus schilt die Galater in der Lesung, die ich vortragen darf, Italienisch: „Siete cosi privi di intelligenza…?!“

7.30 Uhr. Am Frühstückstisch wird es mehrsprachig. Von den Dauergästen der Schwestern hat die Mehrheit Englisch oder Spanisch als Muttersprache. Die Pilger, die gerade zusätzlich den Raum bevölkern, steuern noch Deutsch und Niederländisch bei. Dazwischen eine Mitarbeiterin des Hauses: „Merhaba“ – eines der fünf arabischen Wörter, die ich weiß. Ausbaufähig…

9 Uhr. Ich überschreite die Sprach- und Kulturgrenze von West- nach Ostjerusalem und spaziere hinüber zur École Biblique. Stimmen höre ich in der Bibliothek nur ganz leise: „Bonjour. Ça va? Tu as bien dormi? Bon travail.“

12.40 Uhr. Im Refektorium der École bestimmt die Zusammensetzung des Tisches, ob Französisch (meistens) oder Englisch (seltener, aber im Fall durchaus ohne Zögern) gesprochen wird. Manchmal geht es auch durcheinander. Ich höre Stimmen, hinter Stimmen Menschen, Kulturen, Charaktere. Gegessen wird für französische Verhältnisse sehr hastig. Was aber nicht hindert, dabei weiterzusprechen.

13.20 Uhr. Auf dem Weg zu einer nahöstlich-südeuropäischen Siesta in meinem Zimmer mache ich einen Schwenk durch die arabische Altstadt. In mein Ohr dringt vor allem ein weiteres der fünf arabischen Wörter, die ich kann: „Aschara – zehn.“ Damit preisen die Händler im Suk lautstark viele ihrer Waren an. Alles ist „aschara“. Ich erwerbe im Vorbeigehen ein LAN-Kabel (aschara) und eine Mehrfachsteckdose (aschara). Dann nehme ich den Weg hinauf zur Grabeskirche.

Drinnen braucht man einen starken Glauben, um das Stimmengewirr nicht für Babylon, sondern für Pfingsten zu halten. Ich setze mich auf eine Stufe vor die Grabesaedicula. Um mich herum eine afrikanische Pilgergruppe, mit einem – ausweislich seines Namensschildes – italienischen Führer, der in seinem Englisch den afrikanischen Akzent aber so täuschend echt nachahmt, dass ich zweimal hinschauen muss, wer da spricht.

Ich verlasse die Kirche und anschließend die Altstadt durch das Neue Tor. Ginge ich weiter über die Straße, in die Jaffa Street, wie vorgestern, würden Stimmen mich umgeben, die vornehmlich Ivrith sprechen. Andere, Stimmen, andere Geschäfte, andere Kultur. 10 Meter weiter.

19.30 Uhr. Nach ein paar weiteren Stunden in der fast stimmenlosen Bibliothek singen wir die Vesper in der Kirche Saint Étienne. Nachdem die ersten Tage auch da eher Stimmen-Verwirrung war, haben sich die Stimmen mittlerweile geordnet. Ein kleiner interkultureller Clash beim Salve Regina, wo ich eine Pause übersinge, die gar nicht dasteht. Die Franzosen bestätigen mir später lachend, dass ganz Frankreich diese Pause hält und eifrige Scholaleiter in den Seminaren schon alles versucht hätten, um die Stimmen den Noten anzupassen. Ohne Erfolg.

In der Stille nach der Lesung mischt sich eine Stimme von draußen in unser Gebet. Der Muezzin von gegenüber ruft seine Gläubigen ebenso wie uns zuvor die Glocken gerufen haben. Sehr unterschiedliche Stimmen. Aber ohne es zu planen, singen sie nicht gegeneinander. Es scheint fast, sie ergänzen sich.

20.15 Uhr. Wieder in der stimmenlosen Bibliothek. Später in meinem vogelstimmenreichen Zimmerlein. Die Stimmen, die ich heute gehört habe, kann ich nicht zählen. Ist bei all dem Stimmengewirr noch Raum, auf die eine Stimme zu hören, auf die es ankommt?

Die Stimme des „sprechenden Gottes“ spricht in die Stille, und wir tun gut daran, solche immer wieder zu suchen. Nach einem Tag voller Stimmen ahne ich, dass diese eine Stimme auch in den vielen spricht. In ihrer Unterschiedlichkeit, in ihren Sprachen und Kulturen, in ihrer Vielfalt, in ihren verschiedenen Lebenswirklichkeiten.

Ich will sie weiter hören lernen, die Stimmen dieses Landes, dieser Stadt. Und in ihnen die eine Stimme. Des sprechenden Gottes.

[Foto: (c) G. Nassauer, 2018]

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