Freitag, halb zehn in Jerusalem. Ein ungewöhnlicher Oberseminar-Ausflug bringt uns ins jüdische Viertel der Altstadt.

Das Temple Institute wird von einer Vereinigung betrieben, die es sich zum Ziel gesetzt hat, noch in dieser Generation den „Dritten Tempel“ zu bauen. Im angeschlossenen Museum werden die neu angefertigten Gerätschaften für den Opfergottesdienst gezeigt, die bereits vollständig vorhanden sind – bis hin zu einer Neuauflage der Bundeslade. Und, mit dem Vermerk „kosher for use in the Temple“ versehen, darauf warten, ihrer Bestimmung übergeben zu werden.

Der Erste Tempel ist in dieser Nomenklatur der Tempel Salomos, der Zweite bezeichnet den im 6. Jh. v. Chr. wieder errichteten und zuletzt unter Herodes dem Großen erheblich erweiterten und erneuerten Bau. Die flächenmäßig größte Kultstätte im antiken Mittelmeerraum. … – die im Ersten Jüdisch-Römischen Krieg, 70 n. Chr., zerstört worden ist. Aufmerksamen Beobachtern wird nicht entgangen sein, dass das von Herodes geschaffene Tempelplateau seitdem nicht unbebaut geblieben ist.

Die im Informationsfilm des Temple Institute mit Engagement vorgetragene Vision vom Anbruch der Tage, in denen der Tempel wieder aufgebaut werden wird, ist deshalb nicht wirklich unpolitisch. Der Film zeigt die fertigen Architektenpläne für den Wiederaufbau und einige anschauliche 3D-Animationen.

Eine Kollegin machte mich später darauf aufmerksam, dass unter den Jugendlichen, die im Film mitspielen, ausweislich der Kleidung nicht nur Juden, sondern auch Palästinenser gewesen seien. Der endzeitliche Völkerfrieden im Nahen Osten also, so die Botschaft des Films, kommt mit dem neuen Tempel. Eine eigene Perspektive auf die Schrift. Auf den Tempel als Realsymbol der anbrechenden Gottesherrschaft.

„The children of this generation are ready for the Temple. And you?“ Mit dieser Schlussbotschaft entlässt uns der Film aus dem Museum des Instituts wieder ins Freie.

And you? Und ich? – Jede Perspektive, die ich auf die Schrift, auf meine religiösen Traditionen und Handlungsmotive einnehme, muss sich von anderen Perspektiven, Traditionen, Handlungsmotiven befragen lassen können und wollen. Zum Dialog aus dieser Perspektive heraus gehört das Wahrnehmen des Anliegens der Anderen. Schriftauslegung, Exegese, Handeln nach dem, was ich von der Schrift verstanden habe, kann nur geschehen und – bestenfalls – gelingen, wenn ich die Spannung annehme, die meine Perspektive mit denen der Anderen… verbindet. Nirgendwo wird mir das so deutlich, wie in der Nähe des Tempelbergs.

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