TIGHTROPE WALKS

Seiltänze durch Theologie und Leben


HerausBitten

Zwei Männer gingen zum Tempel hinauf, um zu beten; der eine war ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stellte sich hin und sprach bei sich dieses Gebet: Gott, ich danke dir, dass ich nicht wie die anderen Menschen bin, die Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner dort. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den zehnten Teil meines ganzen Einkommens. Der Zöllner aber blieb ganz hinten stehen und wollte nicht einmal seine Augen zum Himmel erheben, sondern schlug sich an die Brust und betete: Gott, sei mir Sünder gnädig! Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt nach Hause, der andere nicht. Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, wer sich aber selbst erniedrigt, wird erhöht werden.

Lk 18,9-14

Zwei gehen zum Beten hinauf. Suchen Gottes-Kontakt im Tempel. Manchmal bleibe ich im Alltag schon hier stehen. Beim Hinaufgehen. Dabei, einen Ort (ein Setting, eine innere Einstellung) zu suchen, an dem ich nicht auf mich selbst geworfen bleibe, sondern mich auf einen Kontakt einlassen kann. Auf ein Gegenüber. Ein Gespräch, aus dem ich verändert hervorgehe. Beide Figuren in dem Gleichnis, das Lukas Jesus hier erzählen lässt, tun das.

Die Bewertung der Gotteskontakt-Suche fällt erstaunlicherweise dennoch ganz unterschiedlich aus. Woran scheitert der Pharisäer in den Augen Jesu? Ist es nicht ganz beruhigend, beim Selbstanschauen feststellen zu können, dass mein Ethos noch dem eines Christen (oder im Fall des Pharisäers dem eines frommen Juden) entspricht? Ist das konkrete Leben meines Glaubens auf einmal beliebig? Und das Verhalten des Zöllners gut zu heissen?

Offenbar liegt der Punkt, den das Gleichnis vor Augen stellen will, nicht darin, einem „alles egal“ eine Geschäftsgrundlage zu verschaffen. Im Gegenteil: Eigentlich, so lässt unser Text durchblicken, müsste der Gottes-Kontakt bei einem so gottesfürchtig lebenden Menschen wie dem Pharisäer im Gleichnis einfach und besser funktionieren wie bei einem liederlichen Zöllner.

Es scheint hier also nicht um das „dass“, sondern um das „wie“ des Gebets zu gehen. Der zweite Beter nimmt Kontakt zu Gott auf in dem Bewusstsein, dass seine Voraussetzungen diesen Kontakt weder rechtfertigen noch begünstigen. Der erste Beter präsentiert den – durchaus beeindruckenden – Katalog seiner Tugenden. Die guten Werke bleiben wie eine Schutzmauer zwischen ihm und Gott stehen. Nicht nötig (vielleicht auch zu abenteuerlich?), Gott noch mehr in sein Leben einzulassen: läuft schon gut so! Die Bitte des zweiten Beters ist die von einem, der keinen Schutz durch gute Werke, die er zählen könnte, vor sich stellen kann. Und der es auch nicht versucht (vielleicht so: „Ja, ich bin ein Zöllner, aber ich habe doch auch schon etwas Gutes getan: …“). Am Ende liegt der Unterschied zwischen den zweien dann in der (Nicht-)Bewegung des Gebets: Der Pharisäer spricht Gott zwar an, bleibt aber dabei bei sich. Der Zöllner spricht Gott an und geht darin aus sich heraus. Der „Dank“ des ersten wird – wenn er ehrlich ist und nicht eigentlich selbstgerecht – nicht zum Anlass, wirklich den Kontakt zu suchen. Die wenig vorzeigbare Situation des zweiten wird das Tor zum Gottes-Kontakt.

Manchmal breche ich auf, um im Gebet Gottes-Kontakt zu suchen, und stelle am Ende fest, dass ich bei mir geblieben bin. Weil ich denke „das, was ich bisher getan habe, müsste doch für ein Leben vor Gott so ungefähr genügen“. Weil der Alltag noch nachklingt und ich anfange zu grübeln. Und darüber vergesse, das was mich beschäftigt, Ihm hinzuhalten, damit er etwas dazu sagt. Weil ich gefangen bleibe in meinen kleinen und grösseren Verletzungen, Ängsten, Sorgen. Dem, was ich Gutes getan habe oder (öfter) auch dem, was nicht gut gelaufen ist.

Die Bitte um die gnädige Zuwendung Gottes, um den liebenden Blick Gottes auf meine Armut, ist der entscheidende Unterschied zwischen den beiden Betern. In dem Bewusstsein, dass Gott meine Armut durch seine Gegenwart verwandeln kann und will. Gleich, ob es ein Tugendkatalog, meine Verletztheit, Angst, Sorgen oder meine Sünden sind, die zwischen uns stehenbleiben. Oder anderes, was mich innerlich einnimmt und verhindert, aus mir herauszutreten. All das hindert Ihn nicht. Mich aus mir heraus zu bitten – zu einem echten, lebenschenken, verändernden Kontakt mit Ihm. Gerade, wo ich – zurecht – meine, es nicht selbst zu können.

[Foto: (c) G. Nassauer, 2022]

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