Ostermontag. Letztes Jahr durfte ich ihn im Heiligen Land feiern und mit vielen meist deutschsprachigen Christen von Jerusalem nach Emmaus Qubeibeh in der Westbank wandern. Buchstäblich grenzüberschreitend Sprengkraft der Osterbotschaft erleben. Unterwegs sprechen wir ganz biblisch über „das, was in Jerusalem geschehen ist“. Neue Freunde finden sich, für die Zeit des Weges oder auch länger. Beziehungen, die unscheinbar entstehen und mir deutlich machen, dass wie in der lukanischen Emmaus-Erzählung der Unbekannte nicht weit ist, dessen Gegenwart Christen durch die Jahrhunderte im Brotbrechen erfahren haben.

Dieses Ostern ist anders. In unseren Breiten ist es (Gott sei Dank) neu, dass wir – aus derzeit gut nachvollziehbaren Gründen – in der äußeren Feier des Festes eingeschränkt sind. Gerade das gemeinsame Brotbrechen ist uns schwer möglich. Jenseits von den sich darum entspinnenden theologischen Diskussionen und teilweise regional ausdifferenzierten Arten kirchlicher Entscheidungsträger, mit der Situation umzugehen, haben mir die Gespräche mit den unterschiedlichsten Menschen, die ich in der letzten Zeit geführt habe, vor allem eines gezeigt: Es ist uns nicht egal. Laien und Priester, sogenannte „Fernstehende“ und solche, die (…sich selbst) eher zu den „Insidern“ zählen würden – die Auffassungen, wie pastoral und persönlich mit dem weiter bestehenden Bedürfnis nach personaler Nähe in Seelsorgskontexten und sakramentalen Vollzügen umzugehen ist, sind sehr unterschiedlich – und sehr persönlich.

Das gilt für alle Beteiligten. Die Situation ist für alle neu und – je nach Verantwortung, persönlicher Veranlagung und äußeren Erwartungen an Person und Rolle – unterschiedlich fordernd. Das Tasten nach Antworten schließt auch die eigene oder anderer Sprachlosigkeit ein – oder Antworten, die sich unterwegs als unpassend herausstellen. Es kann bedeuten zu erleben, dass ich verletzlich bin – und verletzen kann. Aber auch die dankbare Erfahrung, wenn meine und anderer Versuche zu antworten einen kleinen Schritt weiterhelfen.

Es ist uns nicht egal… Dass uns das jenseits von theologischen Reflexionen und dem eigenen und gemeinsamen Tasten nach Antworten gerade klar wird, mag ein eigentümlicher Gewinn der Krise sein. Warum und was uns daran „nicht egal“ ist, ganz persönlich, ein Gesprächs-Weg, der mehr vom biblischen „Emmaus-Weg“ hat als manche der Gespräche, die wir normalerweise führen.

Ostermontag 2020. Mein eigener Emmaus-Weg führt mich durch München in die Jesuitenkirche Sankt Michael. Bis auf einige in der Kirche verteilte stille Beter ist die Kirche, die sonst nicht nur an Feiertagen hunderte zu Gottesdiensten versammelt … leer.

Der Umgang mit der Leere gehört dabei ebenso zum Tasten nach Antworten. Er kann aus Routinen reißen. Die die hinter verschlossenen Türen weiter Gottesdienst feiern, ebenso wie die, denen das zur Zeit nicht möglich ist. Routinen können heilsam sein und Halt geben. Oder zum Trott werden. Eine Beziehung, die gänzlich aus Routine bestünde, wäre tot. Ist die Beziehung zu Christus und – durch ihn – untereinander, die wir in unseren Gottesdiensten gefeiert haben, heilsam-haltende Routine – oder manchmal doch… Trott?

Ich sitze in der fast leeren Michaelskirche und schaue zur Decke. Das riesige Tonnengewölbe, Sinnbild für den Himmel, als Ort der Gegenwart Gottes und des Lebens bei ihm über uns aufgespannt. Stuckengel tanzen in der zentralen Rosette österlich-barocke Lebensfreude. Darunter – hier unten – viel Platz für die Wege des Menschen mit Gott und zu ihm. … Emmaus-Wege? Trotz allem, in allem, vielleicht sogar ein bisschen wegen allem?

Emmaus-Wege mit Unbekannten. In all dem zeigt sich mir: Das Grenzensprengende der Osterbotschaft ist unverfügbar. Nicht ich sprenge die Grenzen. Es ist der unbekannte Weggefährte auf den Emmaus-Wegen, der es tut. Das Tasten nach Antworten, die Leeren und durchbrochenen Routinen sind Orte, an denen Herzen „in der Brust brennen“ können wie bei den zwei Jüngern der lukanischen Erzählung. Ostern fällt nicht aus, weil es nicht von uns abhängt. Es findet nicht durch uns statt. Wohl aber für uns. Auch und vielleicht gerade auf Wegen, die wir erst noch zu gehen lernen müssen.

[Foto: (c) G. Nassauer, 2020]

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